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Interview mit Bastian Neumann, Trainer für Personal- und Organisationsentwicklung

Eine junge Marketing-Chefin brüllt Ihren Produkt-Kollegen an. Die unerfahrene Performance-Marketerin kommt mit öffentlicher Kritik nicht zurecht. Ihr junger Geschäftsführer entlässt sie. Das Beispiel aus einem Berliner Startup zeigt: Junge Mitarbeiter in Leitungspositionen – das geht nicht immer gut.

Bastian Neumann ist Trainer & Coach für Personal- und Organisationsentwicklung und leitet das LEAD-Trainingsprogramm für Führungskräfte am Mercator Capacity Building Center for Leadership & Advocacy. Auf der “Sticks & Stones” sprach er über die “Generation Y” – und ihre Suche nach dem Selbst in der Verwirklichung. Thomas Keup wollte wissen, wie junge Führungskräfte vermeiden, gegen die Wand zu laufen.

In vielen Startups übernehmen Mitarbeiter unter 30 bereits Personalverantwortung. Ist das empfehlenswert, wenn man selbst gerade erst erwachsen geworden ist?

Es spricht grundsätzlich nichts gegen Personalverantwortung unter 30. Wenn der Altersunterschied zwischen Mitarbeiter/-innen und Führungskräften nicht zu groß ist, kann das eine Chance sein. Wichtiger als das Alter sind die Fähigkeiten Orientierung zu geben, klare Ziele zu kommunizieren und sich dabei in Mitarbeitende hineinversetzen zu können.

Bei jüngeren Führungskräften kann die eigene Rollenfindung noch eine große Herausforderung sein, die möglichereweise eine souveräne und klare Führung erschwert. Führungskraft sein heißt meistens auch Vorbild sein. Das erfordert erstmal Klarheit über die eigene Person. Das Thema Rollenklärung ist aber selten ganz abgeschlossen und kommt auch bei Führungskräften älteren Semesters immer wieder zu Tage.

Welche “Schwachpunkte” siehst Du in der Praxis immer wieder? Ist es blinder Aktionismus, ist es vor allem Überforderung oder fehlende Persönlichkeit?

Blinder Aktionismus vielleicht nicht, eher unbewusster Aktionismus: Aus den eigenen fachlichen Fähigkeiten und der Expertise heraus wird jemand Führungskraft und erhält zusätzlich zur Verantwortung über den Leistungserfolg seiner Abteilung oder seines Bereichs auch die Verantwortung für Mitarbeiter. Das kann schon mal überfordern, im besten Fall jedoch herausfordern.

Wer diese Herausforderung nicht ernst nimmt und Führen nicht als zusätzliche, notwendige und verantwortungsvolle Aufgabe erkennt, kann sogar Schaden anrichten. Persönlichkeit spielt hier eine wichtige Rolle. In meinem Verständnis ist Persönlichkeit vor allem mit einem Entwicklungsprozess verbunden, der sich von Erfahrungen und Erkenntnissen nährt. Führungspersönlichkeit darf sich meiner Meinung nach entwickeln, verändern und sich den Anforderungen entsprechend anpassen.

Ein Freund ist 26, Projektmanager im Startup-Umfeld und schrieb mir Nachts aus dem Büro E-Mails? Kann das gut gehen oder klingeln bei Dir die Alarmglocken?

Ich glaube, gegen die eine oder andere Nachtschicht muss nichts sprechen. Wenn es jedoch zur Gewohnheit wird, wertvolle Ruhephasen aufzuschieben oder ganz auszulassen, dann trägt das bestimmt nicht zu einer besseren Arbeitsleistung bei. Der Körper braucht Phasen, um den Akku wieder aufzuladen.

Nur so kann die Konzentrationsfähigkeit und die allgemeine Leistungsfähigkeit gesichert werden. Wer dauernd Überstunden schiebt und das auch von seinem Team verlangt, der riskiert wichtige Ressourcen. Schleicht sich die intensive Arbeitsweise mit regelmäßigen Überstunden als Alltagspraxis ein, fehlen möglicherweise Ressourcen, wenn es wirklich mal brennt.

Auf welche Warnhinweise sollten (nicht nur) junge Mitarbeiter achten, um sich nicht in die Arbeit zu flüchten und später womöglich schwer enttäuscht zu werden?

Wenn neben der Arbeit nichts mehr wichtig erscheint, dann können Tiefschläge besonders auf das Selbstwertgefühl wirken. Signale können hier auch schon Vorwürfe aus dem Familien- und Freundeskreis oder von Partner oder Partnerin sein, man hätte keine Zeit mehr für diese.

Es kann auch schon ein Zeichen sein, dass man ständig private Termine verschiebt, verpasst oder diese schlichtweg vernachlässigt. Körperliche Signale können bei akutem Schlafmangel bspw. Migräne auch ein Mangel an Konzentrationsfähigkeit und Schwächen in der Gedächtnisleistung sein.

Wie können sich (nicht nur) junge Mitarbeiter aus der Spirale von Arbeit und Selbstausbeutung befreien und zu sich selbst und ihrem Weg finden?

Ein wichtiger Schritt kann sein, sich zu vergegenwertigen, was einem im Leben wichtig ist. Was wirklich wichtig ist, scheint nicht immer auf den ersten Blick sichtbar. Eine intensive Reflektion kann hier Orientierung geben. Gespräche mit guten Freunden, Partnerinnen und Partnern oder eben auch ein Coaching können echte Wegbereiter und Begleiter zu einem zufriedeneren und ausgeglichenen Leben sein.

Hast Du für unsere Leser ein paar Tipps, wie sie als junge Unternehmer oder Führungskräfte erfolgreich für sich und ihre Startups da sein können?

Sich auf Reflektion einzulassen lohnt sich. Statt einfach getrieben vom Aktionsimus loszustürmen, kann es Sinn machen, sich Fragen zu stellen und die eigene Strategie zu prüfen. Was habe ich vor? Was ist mein Ziel?  Wozu? Mit wem? Wer sind geeignete Mitstreiter? Was brauchen diese von mir? Was brauche ich von ihnen?

Vielen Dank für Deine Einblicke!

Das Interview führte Thomas Keup.

Über Bastian Neumann:

Bastian Neumann ist Trainer & Coach und seit kurzem Programmleiter für das Curriculum bei LEAD, einem Trainingsprogramm für Führungskräfte aus Zivilgesellschaft, Politik und WIrtschaft im Mercator Capacity Building Center for Leadership & Advocacy.

Bevor er sich als Gründer und Sozialunternehmer für nachhaltige Unternehmensmodelle engagierte, war er beratend in der Personal- und Organisationsentwicklung für verschiedene internationale Organisationen und Beratungsunternehmen tätig.

Im unkonventionellen Coachingformat “Pop-up-Coaching” bietet er gemeinsam mit Kolleg/-innen einen Raum für Selbstreflektion und- verwirklichung und alles was zu einem zufriedeneren Leben gehört.

Weitere Informationen:

LEAD-Trainingsprogramm

http://www.le-ad.de/

Pop-up Coaching

www.pop-up-coaching.de