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Interview mit Christoph Räthke, Director Education des GTEC Berlin

Christoph Räthke ist ein alter Hase in der Startup-Szene: 2012  gründete er die Berlin Startup Academy (BSA), zur Jahrtausendwende ging sein erstes eigenes Startup an den Start. Seit 1,5 Jahren interviewt der erfahrene Entrepreneur andere gestandene Gründer im Rahmen der Event-Reihe “Startup Grind”.

Am kommenden Mittwoch öffnet mit dem German Tech Entrepreneurship Center an der ESMT sein jüngstes Projekt die Pforten – ein offener Campus für die Gründung von neuen Tech-Unternehmen. Christoph ist als Director Education verantwortlich für “Nachsitzen”, “Tadel” und “Klassenverweise”. Wir wollen mehr wissen:

Es gibt in Berlin unzählige Inkubatoren, Acceleratoren und Bootcamps für Gründer. Was bietet das GTEC Berlin anderes, als andere Startup-”Klassenzimmer”?

Der Accelerator ist nur eines von mehreren Angeboten: Im “GTEC Lab” finden Gründer kostenlosen Platz zum Arbeiten, in den Präsentationsräumen finden offene Workshops statt und mit einer hochkarätigen Vorlesungsreihe wollen wir auch Schüler und Studenten erreichen.

Vor allem aber sind wir kein “Silo”, in dem ein Corporate oder Investor “sein Ding” macht. Wir sind eine offene Plattform, auf der verschiedene Corporates und Mittelständler, Startups und Forscher, Studenten und Gründungsinteressierte zusammenarbeiten. Das ist in Deutschland einmalig – und auch noch an Berlins Prachtadresse, dem Schlossplatz 1.

Mit den “Techstars”, dem “Metro Accelerator” und der “DB Netzwerkstatt” sind weitere Programme am Start. Wieviel “Schulklassen” brauchen wir in der Stadt?

Grundsätzlich sind Acceleratoren erst einmal gut. Denn all’ diese Programme zwingen Gründer strukturiert und offen an ihren Ideen zu arbeiten und andere, erfahrene Leute zu involvieren. Wer ein solches Programm absolviert hat – egal wo-, ist meiner Erfahrung nach einen Riesenschritt weiter, als die vielen Gründungsinteressierten, die es in Berlin auch gibt und von denen viele Ideen verfolgen, die niemals funktionieren können.

Insofern brauchen wir so viele Schulklassen, wie es motivierte Gründer gibt. Kommt hinzu, dass der Trend ja zur Themen-Spezialisierung geht, so dass ja nicht alle Programme allen offen stehen. Besonders, wenn Industrieunternehmen involviert sind, wird da oft nur ein bestimmtes “Vertical” verfolgt.

Viele Gründer fallen von den Schulbänken der EBS, HSG oder WHU direkt in die Berliner Szene. Wie beurteilst Du die Vorbildung der Berliner Tech-Gründer?

Ich kenne keine genauen Zahlen. Mir scheint aber, dass die meisten Wirtschaftsschul-Absolventen nicht in der Startup-Szene ankommen, sondern bei Rocket Internet und den anderen Company-Buildern. Die Rocket-Firmen sind bekanntlich keine Startups, sondern bieten eine klassische Karriere in der E-Commerce-Branche; das sollte man sauber auseinanderhalten.

Für mich sind es eher die vielen ausländischen Gründer, die die Szene ausmachen. Und da variiert die Vorbildung extrem. Da aber in Europa eher später gegründet wird, als in den USA, haben die meisten die ich kennenlerne, außer ihrem Studium bereits einige Jahre Berufserfahrung. Das macht sie einerseits reifer, andererseits haben sie oft auch schon Verbindlichkeiten, die ihnen den Sprung in die Gründung schwerer machen.

Wo mangelt es aus Deiner Sicht am meisten bei Berliner Tech-Entrepreneuren: Sind es die praktischen Erfahrungen, Tricks & Kniffe oder auch die guten Manieren?

Ein Phänomen, über das selten gesprochen wird, ist, dass die Startup-Branche eine sehr elitäre ist. 100% der Involvierten – scheint mir – haben einen Hochschulabschluss. Alle sprechen mehrere Sprachen und sind schon in der Welt herumgekommen, weswegen man mit fast allen sofort eine Basis findet. Insofern sind mir die Manieren in unserer Szene keineswegs zu schlecht, sondern fast ein bisschen zu gut.

Woran es mangelt, ist das selbe wie überall auf der Welt: die Kombination von guten Leuten und guten Ideen – simple as that. Wir unterhalten uns hinter den Kulissen gelegentlich unter den Acceleratoren und Investoren, und wir sind uns meist einig: Der große Engpass, das ist – zumal am Anfang – nicht Geld, bestimmte Skills, Infrastruktur, Förderung, sondern diese magische Kombination: gute Leute mit einer guten Idee.

Du bist seit 2008  Jahren in der Fort- und Weiterbildung von Gründern und jungen Unternehmern verankert. Was reizt Dich an der Aufgabe, Wissen weiterzugeben?

Zum Einen bin ich bei BSA und GTEC weniger der Weitergebende, sondern der Organisator. Im letzten BSA-Programm waren 54 Mentoren involviert, davon 24 CEOs, 10 Investoren, 10 Coaches und 10 Spezialisten. Auch bei Veranstaltungen, die ich moderiere, und sogar als Speaker versuche ich immer, andere einzubeziehen, die besser und erfahrener sind als ich.

Wem soll ich was von E-Commerce oder Finanzierung erzählen, wo ein Stephan Schambach, der bei uns öfter Mentor ist, bereits zwei Milliardenunternehmen geschaffen hat? Berlin ist reich an solchen großartigen Unternehmern und ich habe nur das Glück, mit vielen von ihnen zusammen arbeiten zu dürfen.

Zum anderen mache ich tatsächlich selbst Workshops und das ist für mich der Kern von allem, was ich tue. Das direkte, intensive, “sauehrliche” Gespräch mit Gründern, das in konkreten Vorschlägen gipfelt – oder auch in der Aufforderung, doch lieber was anderes zu machen. Das ist für mich das Wertvollste und Lehrreichste, das es gibt.

Aus Deiner ganz persönlichen Sicht als “alter Hase”: Was fehlt in der Berliner Startup-Szene am Meisten? Hast Du 2, 3 handfeste Wünsche für die Zukunft?

Geld, und zwar privatwirtschaftliches Geld. Richtig brachial viel davon. Soviel, dass man als Gründer scheitern, aber die Hoffnung haben kann, dass das nächste Projekt einen wieder sanieren könnte. Soviel, dass eine Idee auch mal im US-Style in den Markt geprügelt werden kann, anstelle sich Nutzer für Nutzer mit 50.000 Euro Kapital nach oben kämpfen zu müssen. So viel, dass auch das Umfeld – Medien, Blogs, Mentoren – etwas davon abbekommen.

Soviel, dass man sich auch mal einen Topmann für die Backend-Entwicklung leisten kann. Soviel, dass Investoren wissen, dass die nächste Runde ihnen ihr Risiko schon zurückzahlen kann, weil sie womöglich auf einer 10-fachen Bewertung läuft. Dieses ganze Gerede über Mentalitätsunterschiede zwischen den USA und Europa, Angst vorm Scheitern blabla – das ist großenteils Mumpitz.

Gebt uns unternehmerisch denkende Investoren mit richtig, richtig Schotter, vielleicht noch eine Technologie-Börse dazu, und der Rest regelt sich von selbst.

Vielen Dank für Deine Einblicke!

Das Interview führte Thomas Keup, kein Hochschul-Absolvent.

Über Christoph Räthke:

Christoph Räthke ist Gründer der Berlin Startup Academy und baut gerade GTEC.berlin, den ersten Campus für Konzerne, Mittelständler, Gründer und Forscher, auf. M.A.-Abschluss über griechische Staatsphilosophie im 4. Jh. v. Chr. “Tech-Blogger” seit 1996, erstes Startup 1999. Seit 2010 macht er Accelerators, seit 2013 die regelmäßige Startup Review Kolumne im Magazin “Business Punk”. Speaker und Moderator auf Konferenzen rund um die Welt.
Christoph Räthke online
https://christophraethke.de/

German Tech Entrepreneurship Center – GTEC Berlin
http://gtec.berlin/

Berlin Startup Academy – BSA
http://berlinstartupacademy.com/

Startup Grind Berlin
http://startupgrind-berlin.de/