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Er hat mit seinem Later Stage Startup Signavio Ende vergangenen Jahres 31 Millionen Euro von US-Investor Summit Partners eingesammelt. Er hat beim ersten “Millionenspiel” des Unternehmerevents Founders Unscripted dem Berliner KI-Startup Parlamind zum Sieg verholfen. Und er hat zusammen mit seinen Signavio-Co-Foundern und namhaften Partnern in jenes Kundenservice-Startup 1,5 Millionen Euro investiert. Er ist der “Millionenspieler”.

Als Medienpartner von Founders Unscripted hatten wir die Chance, den promovierten Informatiker, überzeugten Ingenieur, freiheitsliebenden Softwareentwickler und nachhaltig geprägten Unternehmersohn persönlich kennenzulernen. Wir stellen Gero Decker vor, wie er selten zu erleben ist. Ein EXPERT-Interview mit Dr. Gero Decker, Co-Founder und Geschäftsführer von Signavio aus Berlin.

Du bist gerade 34 Jahre jung, hast am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam in Geschäftsprozessmodellierung promoviert und führst seit 7 Jahren Dein Unternehmen mit heute 110 Mitarbeitern. Das klingt nach einem “Getriebenen”. Wie arbeitest Du?

Von meinem Vater habe ich den Grundsatz verinnerlicht, zu machen, was mir Spaß macht. So habe ich schneller studiert, als die anderen und die Zeit an der Uni sinnvoller genutzt. Dabei ist das eigene Unternehmen eher ein Nebeneffekt, um mich selbst zu verwirklichen. Das habe ich von meinem Vater übernommen, wie die technische Faszination. Zugleich habe ich gelernt, dass die Branche meines Vaters – der Maschinenbau – sehr kapitalintensiv ist und die Finanzierung in frühen Phasen in der Regel über Privatbürgschaften erfolgt.

Das birgt ein hohes Risiko, zu scheitern. Eine Erfahrung, die ich in der eigenen Familie erleben musste. So bin ich eher vorsichtig, was die Finanzierung angeht. Ich würde mich generell als ‘risikobewusst’, aber nicht als ‘sicherheitsliebend’ bezeichnen. Wir sind mit Signavio nie “hart am Wind” gesegelt, haben immer Polster eingerichtet und die Kontrolle der Firma zusammengehalten. So bestand nie die Gefahr, aus dem eigenen Unternehmen gedrängt zu werden.

Du hast Deinen Bachelor und Master in Softwareentwicklung mit Auszeichnung am HPI absolviert, anschließend Deinen Doktor in Informatik gemacht. Wolltest Du immer Softwareentwickler werden, oder gibt es da noch eine andere Seite, die interessant ist?

Ich wollte eigentlich Anwalt werden und bin ein Fan des amerikanischen Top-Juristen John Grisham. Zugleich habe ich früh die Erkenntnis gehabt, dass Rechtsanwälte Einzelkämpfer sind, die zudem an Rechtsräume gebunden sind. Ich war gleichzeitig leidenschaftlicher Informatiker und habe ganze Nächte lang gecodet. Nach einer halben Stunde Software schreiben war ich in einem Tunnel und wie in Trance. Zusammen mit Freunden habe ich u. a. 3D-Animationen für das Phaeno Science Center in Wolfsburg entwickelt. Das war ein gemeinsames 8-Mann-Projekt und hat uns über ein Jahr beschäftigt. Die Leidenschaft zu coden begleitet mich seit meinem 14. Lebensjahr.

Ich komme aus einer naturwissenschaftlich-geprägten Familie. Meine Mutter ist Mathematikerin und Biologielehrerin, mein Vater ist Physiker, war früher Professor für Maschinenbau mit Spezialisierung auf Lasertechnik an der TU Braunschweig und hat mehrere Unternehmen für Laserschweißen und Laserschneiden gegründet. Der Physiker und ehemalige SAP-Vorstand Henning Kargermann war ein Zimmergenosse während seiner Promotion. In meinem Studium am HPI habe ich mich dann mit Prozessmanagement beschäftigt und mein Interesse entdeckt.

Business Process Management ist nicht unbedingt ein “Spaßfaktor” und zählt sicher eher zu den komplexen Themen in der Softwarewelt. Du hattest Dich zuvor mit 3D-Animationen beschäftigt. Wie bist Du zu trockenen Geschäftsprozessen gekommen?

Ich habe mit dem 4. Jahrgang am HPI begonnen, zu studieren. Eigentlich hatte ich mich für den Schwerpunkt 3D-Graphik interessiert – hier hat das HPI einen Forschungsschwerpunkt. Prof. Mathias Weske – später Mitbegründer von Signavio – hat mich auf das Thema Prozesse und Optimierung gebracht – und ich fand es spannend. Prozessmanagement ist eine unendliche Geschichte und hochinteressant, um die Zusammenhänge zu sehen. In jeder Organisation ist die Methodik und Herangehensweise praktisch gleich, und viele Organisationen arbeiten suboptimal.

Für Berater ist das Thema Geschäftsabläufe eine Goldgrube, nicht zuletzt, weil sich Organisationen und Märkte ständig verändern. Veränderungen gibt es immer, und wo es Veränderungen gibt, braucht es Signavio. Das Interessante für mich ist, komplexe Vorgänge durch Modelle abbilden und optimieren zu können. Für Signavio ist wertstiftend, dass wir Themen adressieren, die heute, morgen und übermorgen da sein werden. Es handelt sich nicht um ein Hypethema, sondern um ein Grundlagenthema.

Ihr habt mit Euren Geschäftsprozesstools als Software-Service ein jährliches Wachstum von 65-80% und wart immer profitabel. Was machst Du mit Deinen 4 Co-Foundern und Ingenieuren anders oder besser, als andere bekannte BPM-Tools?

Wir konzentrieren uns auf zwei Kernthemen: 1. Prozesse und 2. Entscheidungen in Unternehmen, also Process und Decision Management. Im Prozessmanagement bieten wir die Chance, z. B. einen Auftrag in 3 statt 9 Monaten erfolgreich zu erledigen. Dabei geht es um Aktivitäten, Beteiligte, Interaktionspunkte und Volumen. Das ist häufig ein Thema von Quantität, sprich Zeit und Ressourcen. Hier bieten wir eine effektivere Lösung, als bisher eingesetzte Tools es können.

Im Entscheidungsmanagement geht es um die Qualifizierung von Fakten und dazu erforderliche Abläufe. Entscheidungen basieren im Kern auf zwei Variablen: a) dem Compliance-Aspekt und b) der Optimierungsmöglichkeit. Nehmen wir z. B. Interviews über die Vergabe eines Aufenthaltstitels für Asylsuchende. Hier kann ein “Decision Management Tool” Interviews unterstützen, alle relevanten Fragen zu stellen oder die Entscheidung zu automatisieren. Beim Thema Optimierung sehe ich z. B. den Betrieb eines Kohlekraftwerks: Hier können Wettervorhersage, Strompreise, Versorgeverpflichtung und die Nachfrage zu optimierten Entscheidungen über Betrieb oder Abschalten führen.

Die Digitalisierung greift in zahlreiche Branchen ein, bricht althergebrachte Geschäftsmodelle um und fördert neue, digitale und häufig branchenfremde Anbieter zu Tage. In wiefern beeinflusst Euch die “Disruption” bei den Software-Angeboten?

Wir widmen uns dieses Themas unter dem Titel “Business Transformation Platform”. Eine Schlüsselfrage für uns lautet z. B.: ‘Wie kann eine Wirtschaftsprüfung ihre Services digitalisiert anbieten?’ Dabei kommen standardisierte Regelwerke zum Tragen, die in Software abgebildet werden können. Schaue ich 5-10 Jahre voraus, gehe ich von einem Wandel von Menschen zu “Maschinen” aus, genauer gesagt, von Prüfern oder Beratern zu PC-Software. Was standardisiert werden kann, wird standardisiert, automatisiert und in Software gegossen.

Die meisten Dienstleister machen wohl eher weiter, wie bisher. Sie verkaufen Köpfe auf Basis von Stunden und Tagen. Der viel spannendere Ansatz wäre, Klienten ein “compliant-konformes Handeln” zu sichern. Dann stellt sich die Frage, was der smarteste Weg sein kann, z. B. eine Kombination aus Mensch und “Maschine”. Die Vision ist ein “Compliance Business”. Ich muss verstehen, was ich wie standardisieren kann, z. B. Abläufe und Entscheidungen auf Grundlage von Gesetzen. Die Konsequenz ist eine Evolution des Geschäfts und erhöhte Profitabilität.  

Mit 31 Millionen Euro Investment von Summit Partners habt ihr nun einen starken Partner mit an Board genommen. Was macht Dich und Deine 4 Co-Founder sicher, dass Ihr durch den Venture Capital Partner nicht womöglich in eine Richtung geht, die nicht eure ist?

Wir haben uns ausreichend Zeit genommen, den richtigen Partner zu finden. Unsere Suche begann im März vergangenen Jahres und es bestand kein zwingender Handlungsbedarf. Für unseren Wachstumsfinanzierer ist es entscheidend, dass jedes Unternehmen ein Erfolg wird. Dazu investiert Summit Partners nur in Firmen, die funktionieren, häufig sogar nur, wenn sie bereits profitabel sind. Mit unserem Investor konnten wir ein Konzept basierend auf realistischen Erwartungen erarbeiten.

Wir haben mit unseren Partnern bei Summit einen unglaublich engen Austausch. So unterhält Summit Partners ein eigenes Recruiting-Team, das uns in den USA hilft. Für unseren VC gibt es wiederkehrende Themen, auf die man sehr gut vorbereitet ist, z. B. ein europäisches Venture, dass in die USA gehen will. Dabei gibt es in den Staaten andere Bedingungen für Mitarbeiter und Arbeitgeber, bei denen uns Summit unterstützt.

Zu guter Letzt möchte ich noch einmal auf den jungen Unternehmer und Ingenieur zurückkommen: Wenn Dich ein guter Freund fragen würde, welche Eigenschaften Dich am ehesten umschreiben, was würdest Du ihm in aller Kürze antworten?

Es ist nicht ganz leicht, über sich selbst zu sprechen. Insgesamt würde ich aber sagen, persönlich sowohl einen Kämpfer, als auch ein Tüftler, ein Integrator und auch einen Kritiker in mir vereint zu sehen. Leidenschaftlich gesehen bin ich eindeutig Informatiker. Mich interessiert, was möglich ist. Mein Vorbild ist dabei Hasso Plattner. Er ist für mich ein Paradebeispiel für einen Visionär, der die Zukunft aktiv gestaltet. Er ist im Herzen Ingenieur. Hasso ist der faszinierendste Software-Unternehmer, den wir in Deutschland haben.

Vielen Dank für die offenen Worte!

Das Interview führte Thomas Keup.

Weitergehende Informationen:

Gero Decker bei Linkedin:
https://de.linkedin.com/in/gerodecker/de

Signavio GmbH, Berlin:

http://www.signavio.com/de/

Founders Unscripted Millionenspiel:

Parlamind KI-Kundenservice:
https://parlamind.com/de/index/