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Ein Klartext von Thomas Keup und Stefan Kny.

Das Mobile-Video-Netzwerk Snapchat platziert sich mit seinen Discover-Channeln noch vor dem großen Durchbruch als Medienplattform. CNN, MTV & Co. zahlen bis zu 100.000,- $ pro Tag, um beim “Next Big Thing” ganz vorn dabei zu sein. Konkurrent Facebook bohrt seinen Messenger zum Nachrichtenkanal auf und die Bild-Zeitung ist eine der Ersten im Wettlauf, um Leser mobil zu erreichen. Irgendetwas verändert sich gerade gewaltig – und wir sind mittendrin.

Es ist eine spannende Zeit – mit sozialen Netzwerken, die die Distribution von Medieninhalten auf sich konzentrieren, um mit auktionsbasierten Werbemodellen die Sahne abzuschöpfen. Und mit Klickportalen aus User-generated Content, Affiliate- und Sponsored Posts – im Nirvana zwischen Linkedin und Medium.com. Journalismus 2016 – nur noch virtuell oder noch Wirklichkeit?

Das Leser nicht zahlen möchten, ist nichts Neues.

Anfang des Monats lud das Medianet Berlin-Brandenburg zu einer spannenden Diskussionsrunde ein. Die Veranstaltung hieß “QUO VADIS Deutscher Journalismus?”. Bei der Paneldiskussion auf dem Podium: Stefan Aust, Chefredakteur von WeltN24 – dem Newsroom-Konzept von Axel Springer. Der frühere Spiegel-Chefredakteur brachte zur Finanzierung des Journalismus auf den Punkt, dass sich redaktionelle Berichterstattung „kaum jemals selbst finanziert” habe.

Das Leser nicht zahlen möchten, ist nicht neu. Abonnements, Anzeigen und Sonderbeilagen waren bislang gewinnbringende Möglichkeiten zur Finanzierung. Junge und online-affine Leser beziehen Nachrichten zunehmend über Facebook, WhatsApp und künftig über Snapchat, im Business über Linkedin oder XING. Kostenlose Kanäle mit kostenlosen Inhalten – fernab jeglicher Paywalls.

Journalismus ist generell zu “schreiben, wie es ist!”

Vor gut 2 Wochen erschien bei den Kollegen des Tech-Magazins t3n ein spannender Beitrag: Redaktionsleiter Luca Caracciolo fordert in seiner “Analytics-Kolumne” ein neues journalistisches Selbstverständnis zu entwickeln. Sehen wir von klickgetriebenen ”Ausrutschern” bei t3n ab, hat der Kollege absolut Recht. Journalismus hat als schöpferische Leistung einen eigenen Wert – jenseits eines TKP.

In unserem Editorial Anfang August vergangenen Jahres zitieren wir die Leitlinien des Spiegels: “Er (Der Spiegel) ist politisch unabhängig, niemandem – außer sich selbst und seinen Lesern – verpflichtet …” Das ist Journalismus. Alles andere ist PR – und gehört nicht in den redaktionellen Teil. Der Unterschied ist manchmal ein schmaler Grad und die Herausforderung für jeden Journalisten.

Journalismus ist nicht objektiv – und wird es nie sein.

An dieser Stelle räumen wir mit einem Märchen auf: Journalismus ist nicht objektiv, denn Geschichten werden von Menschen erzählt. Damit fließen Erlebnisse, Erfahrungen und Wünsche in die Berichterstattung ein. Tageszeitungen – von “sozial-liberal” über “bürgerlich-liberal” bis “liberal-konservativ” – haben in den vergangenen 70 Jahren gut davon gelebt, ihre Klientel aus der gewünschten Richtung zu bestätigen.

Guter Journalismus ist zugleich kritisch und bedarf vorurteilsfreier Recherche, die arbeitsintensiv ist. Viele Journalisten, die sich das Schlagwort “Investigativer Journalismus” auf die Stirn schreiben, geraten in einen Konflikt mit ihrem Verleger, der Anzeigenkunden nicht aufgrund eines “unschönen” Artikels verlieren möchte. Der Druck auf Redakteure wächst, im Zweifelsfall die Geschichte im Lokalteil zu “beerdigen”.

Auf der anderen Seite gilt: Geschichten funktionieren immer, bestätigt Stefan Aust beim Medianet. Wir gehen einen Schritt weiter: “Bring’ die Story heim!” Alles andere ist User-Content oder Schleichwerbung. Womit wir bei einem weiteren Schlüsselfaktor wären: Was wollen Konsumenten in Zukunft an Medien konsumieren? Dazu ist es hilfreich, einen Augenblick zurückzuschauen.

Journalismus ist für die Nutzer da – auf allen Wegen.

Wie finden Leser die Inhalte, die sie interessieren? In Zeiten von Druckerpressen und Funktürmen kontrollierten finanzstarke Player aus Wirtschaft und Politik die Distribution von Medien. Das Internet konsolidiert sämtliche Vertriebswege. Wir können Digital-TV über eine Web-App im Streaming-Stick via Wifi auf jedem Fernseher mit HDMI-Anschluss schauen. Der Kabelanschluss hat ausgedient.

Um im Multichannel-Universum von Apps, Sticks, Service-Providern und Social Media Kanälen nicht unterzugehen, investieren Medien Unsummen in AdWords, Display- und Social-Media-Kampagnen. Neuer Höhepunkt des Wettlaufs um die 8 Sekunden Aufmerksamkeit jedes einzelnen Users ist Snapchat: Bis zu 100.000,- Dollar lassen sich CNN, MTV & Co. ihre Discover-Channel kosten – am Tag.

Journalismus in Zeiten von Swipe, Tap und Forget.

Eine detaillierte Einführung zum Thema Snapchat ist bei Deutsche Startups zu finden – von den ersten Schritten bis zum Marketing, wie “die nächste Sau durchs Dorf getrieben wird”. Wir haben uns Snapchat installiert. Nicht weil wir genötigt werden wollen, alle 24 Stunden in unsere Freundesliste gucken zu müssen, um deren Statusmeldungen zu lesen, bevor sie nie mehr verfügbar sind.

Wir möchten sehen, wie Verlage und Unternehmen sich präsentieren und warum sie bis zu 100.000,- Dollar pro Tag ausgeben, um im Tinderstil entdeckt zu werden. Wie Snapchat Geld verdient, ist in diesem Artikel gut aufbereitet. Zentrales Element ist der Discover-Channel: ein Teaservideo soll auf Artikel neugierig machen. Meist sind es Animationen, die an Comics oder Bravo-Lovestories erinnern.

Sind Geschichten nur in kleinen Häppchen möglich?

Das Leser heute nicht mehr lang “am Ball bleiben”, können wir nicht bestätigen. Spezielle Themen haben überdurchschnittlich lange Lesezeiten bei ihrer Zielgruppe. Einzelne Beiträge auf Gründermetropole können Lesezeiten von bis zu 6 Minuten nachweisen – bei bis zu 1.200 Lesern. Der Annahme, alles “kleinhacken” zu müssen, können wir nicht folgen.

Eine Möglichkeit, die Reichweite auf qualifizierte Weise zu erhöhen, sind Kooperationen mit Partnern, die im gleichen Themenfeld zuhause sind und ähnliche Werte teilen. So sind wir mit Deutsche Startups, Founderio und Venture.TV verbunden. Dies ist eine effektive Möglichkeit, seine Peergroup über die eigenen Kanäle hinweg anzusprechen und gemeinsam von höherer Reichweite zu profitieren.

Journalismus besteht aus qualifiziertem Text und Bild.

Wie heißt es so schön: “Wer den Weg geht, den alle anderen gehen, bekommt nur das, was die anderen übrig gelassen haben.” So wetteifern gestandene Nachrichtenmedien mit automatisierten Agenturmeldungen. So sonnen sich vermeintlich einzigartige Tech-Magazine mit Unboxingvideos, Produkttests und vermeintlichen Exklusivgeschichten, die von PR-Agenturen forciert werden. Alleinstellungsmerkmal? Nicht wirklich vorhanden.

Bei Gründermetro können wir guten Gewissens sagen: Wir machen etwas anders. Unsere Stärke liegt im Know how von Text und Bild. Für eigenständige Geschichten müssen wir keine Inhalte von Lieferanten einkaufen. 24 Jahre Text und 16 Jahre Bild sind unser wertvollstes Gut. Weil wir wissen, das gute Qualität Zeit braucht, nehmen wir uns diese. Das ist dann womöglich der Unterschied zu “quick & dirty” zusammenkopierten Beiträgen.

Konsolidierung, Diversifizierung oder Förderung?

Das Problem der Finanzierung ist womöglich bereits in zwei Jahren gelöst – mit einer Flatrate á la Kindle, Netflix oder Spotify. Damit würden Medienproduzenten und Journalisten ihre Unabhängigkeit an Plattformen verlieren, die über ihre Reichweite den Markt dominieren könnten. Facebook & Snapchat sowie Linkedin & Xing schicken sich an, Distributionsplattformen zu werden und das Anzeigengeschäft zu übernehmen.

Neben der Konsolidierung könnte die Diversifizierung mit Vorreiter Blendle Schule machen. Investigative Recherchen, hautnahe Reportagen oder persönliche Interviews haben die Chance, individuell vermarktet zu werden. Auf der Strecke bleibt alles zwischen Premium-Content und Klick-Strecken im “dreckigen Dutzend”. Wer zahlt, bekommt die interessanten Stories, der Rest den Einheitsbrei.

Eine dritte Möglichkeit ist die Patronierung. Unternehmer mit Weitblick könnten neue Plattformen schaffen, um die wirklich interessanten Geschichten einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Ein Konzept, Akzente zu setzen, dass seit mehr als 100 Jahren besteht. Dabei ist es eher ein fokussierter Journalismus im Stil von Brand Eins, Cicero, Spiegel Wissen, Wired oder Zeit Magazin.

Wenn Journalismus wichtig bleibt und kein Profitcenter ist, müssen Finanzierungsmöglichkeiten entwickelt werden, um unabhängige journalistische Berichterstattung zu ermöglichen. “Ein schneller Kick, ein schneller F.ck” wird es weniger sein, der die erforderlichen Ressourcen sichert, um Nutzer für Inhalte zu interessieren und sie darüber zu binden. Denn die Zeit, mit Klickstrecken gutes Geld zu verdienen, geht zu Ende.

 

 

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