Bis zu 1.500 Euro kostet ein Ticket für das berühmte Kreativfestival SXSW, das jedes Jahr im Frühjahr nun bereits rund 90.000 Filmemacher, Musikexperten, Startups und Digitale ins texanische Austin zieht. Seit 31 Jahren gibt es die South-by-Southwest, kurz SXSW, nun schon. Damit ist die SXSW älter als viele der Besucher, die es ab 10. März nach Texas zog. Noch vor Web Summit, Slush, Pioneers Festival oder NOAH wurde in der Studentenstadt Austin anders gedacht – Austin sei die “un-texanischste” Stadt von Texas” heißt es immer wieder unter den internationalen Gästen. Auch 2017 hat das Festival dies wieder bewiesen. Ein persönlicher Rückblick….

Was soll der Hype – Das sollte Alles sein? 

Ich gebe es zu – ich war ein “SXSW-Newbee”. Bisher zog es mich nicht nach Texas, das immerhin 13 Flugstunden von Berlin entfernt ist. Die “Startup-Spielwiese” in Europa hielt mich bisher immer gut in Atem. Rund 80.000 km bin ich im letzten Jahr für Startup-Projekte gereist, habe unzählige Veranstaltungen und Konferenzen besucht. Zum Ende des Jahres stellt sich da eine gewisse Reisemüdigkeit ein. “Been there, done that!” Mal hinfahren und anschauen, lohnt sich aber sicher, dachte ich Ende 2016 als die Macher des neuen eHealth Think Tanks FTR4H mich fragten, ob ich nicht mitkommen will, um das neue Projekt anzustoßen. Im Januar habe ich mich dann fast umentschieden – die neue Politik von Trump schreckte auch mich ab. Doch letztendlich packte ich für die Reise. Müde und nass kam ich einige Tage vor der SXSW an meinem AirBnB an. Keine Spur von Texas’ berühmter Sonne! Verschlossen, kalt und wenig großstädtisch begrüßte mich Austin. Noch am Vortag der SXSW, war die Stadt still und in sich gekehrt. Die Konferenzräume und die Hotels, in denen die Vorträge stattfinden sollten, Relikte aus den 80er Jahren, die Bars wie ausgestorben – erste Enttäuschung stellte sich ein. Das sollte alles sein?

 

Off we go….SXSW calling! #sxsw2017 #travelling #airportstyle

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Anstehen im Regen

Am 10. März änderte sich dies jedoch schlagartig. Schon beim Kaffeekauf bei Starbucks wurde mir klar – das wird groß. Die Schlange der “coffee addicts” war unglaublich lang – fast länger als die Menschenmenge bei der Registrierung. Und das sollte nicht das letzte Mal sein, dass ich Geduld brauchte – Anstehen und Warten wurde zum Freizeitsport auf der SXSW. Am SXSW-Samstag sogar im strömenden Regen. Besonders die Keynotes waren heiß umkämpft. Nicht nur einmal hieß es direkt, wenn ich an der Tür stand „aus Feuerschutzgründen können wir keine Gäste mehr einlassen“. Für die Rede des Ex-Vizepräsidenten Joe Biden wurden sogar separate Tickets vergeben – am Sonntagmorgen ab 8:30 Uhr, mit 2 Stunden anstehen selbstverständlich! Insgesamt 400 Keynotes, Workshops und Pitch Sessions fanden allein an den vier Tagen in den 24 Themenbereichen der Interactive-Konferenz statt, die man nur als Inhaber eines Tickets besuchen darf. Ich habe nicht mehr als 20 besuchen können. Mein Learning: Um Wissen zu gewinnen, kommt man nicht nach Austin!

Entzugserscheinungen & Verlustangst

Eine andere Erkenntnis: Faul darf man in Austin nicht sein. Beim Pendeln zwischen Konferenzzentrum, Hilton, Marriott und den diversen Bars, in denen das Konferenzprogramm und die Länderpräsentationen stattfanden, sammelte ich weitere Flugmeilen – mehr als 12 km kamen so leicht(füßig) an intensiven Tagen zusammen. Die Hälfte sind meiner Leidenschaft für guten Kaffee und der Jagd nach der nächsten Steckdose – idealerweise in Kombination mit Kaffee – geschuldet. Spätestens um 15 Uhr stellten sich erste Entzugserscheinungen ein. Stressig wurde es bereits am ersten Tag als mein mühsam erstellter Plan in sich zusammenfiel, ich viele der Workshops, die ich unbedingt sehen wollte, aus Zeitgründen nicht besuchen konnte, spannende Redner verpasste. Die Jagd nach meinem eigenen Zeitplan begann. Doch bereits am Abend beim Frozen Margerita gab ich auf. Wurde es stressig, machte ich einen Stopp im GermanHaus, das dieses Jahr in Austins Kneipenviertel in der Barracuda-Bar sein Zuhause fand. Neben Futter für meinen Smartphone-Akku gab es lecker Kaffee, entspannte bekannte Gesichter und vor allem „Brainfood“. Doch auf hier galt: Ich bin nicht nach Austin gekommen, um mit Freunden und Bekannten Kaffee zu trinken. Ein kurzer Pitstop reichte auch oft. Den Auftakt des Programms im GermanHause machte übrigens Dieter Zetsche, CEO von Daimler, der im legerem Startup-Outfit auf der Bühne verkündete, dass die SXSW nun auch nach Frankfurt käme. Mein Fazit nach der SXSW: Es bleibt abzuwarten, ob der Spirit von Austin auch auf Frankfurt überspringt oder ob gerade Austins ranzige Bars, die altmodischen Konferenzräume und die plüschigen Hotelfoyers den einzigartigen Kontrast zu den verrückten Ideen einiger SXSW-Besucher bilden.

https://twitter.com/FTR4H/status/840664740728827904

Grumpy Cat, Aria Stark, Mick Fleetwood

Zwei Worte zur SXSW? Verrückt und überraschend – und ein Mekka für Social Media Profis. Ein Foto mit Grumpy Cat auf einer Bustour, ein Selfie mit Mick Fleetwood, ein kleiner Chat mit Robert Scobble in der Lobby des Konferenzhotels Hilton, ein Tweet mit den Schauspielerinnen, die Aria und Sansa Stark in Game of Thrones verkörpern. Für Online-Profis ist SXSW eine absolute Goldgrube. Jeden Tag gibt es neue Stars. Mein Top: Anstehen ist gut, Stars auf der Bühne betrachten ist okay, die hautnah vor der Kamera zu erleben, ist besser. Mein Geheimtipp der SXSW war 2017 die Comcast Lounge. Neben gutem Kaffee gab es jede Menge Entertainment. Der Business Sender, der Inhalte für Arztpraxen, Anwaltskanzleien, große Bürokomplexe und auch Spezial-Veranstaltung anbieten, übertrug aus einer speziellen Social Media Lounge live von der SXSW in Kooperation mit NBC Universal. Auf dem weißen Sofa fanden sich dann auch nahezu alle Stars der SXSW ein – von Mick Fleetwood, dem Drummer der Band Fleetwood Mac, über den Internet-Pionier Vint Cerf bis hin zum Instagram-Sternchen Jenn Im. 

 

 

Great session with instagram star Jenn Im at #sxsw on how to build a brand online. #comcastsxsw @imjennim #instagram

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I am a huge fan of Fleetwood Mac and see who is here: Mick Fleetwood! Charming and open. #sxsw #comcastsxsw #fleetwoodmac

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Ist “bigger better”? 

Nach zehn Tagen stellt sich allerdings doch die Frage: Lohnt sich SXSW für junge Gründer, Unternehmensentscheider und Medienmacher? Das Feedback von Startups ist positiv: Rick McCartney vom Gesundheits-Startup iRewardHealth kommt auf jeden Fall zurück nach Texas „to learn from the ecosystem“. Kerrie Harrington vom Pharma-Riesen EMD Millipore will auch 2018 wieder „the next progression of technologies“ scouten und „long-term connections“ aufbauen. Christina Bechhold, Investorin vom Samsung NEXT Ventures, ist ein bekanntes Gesicht auf der SXSW. Sie zieht es jedes Jahr nach Austin. Ihr Fazit: „SXSW is always a great way to engage with colleagues, entrepreneurs and influencers across a range of industries and markets from around the world.“ Und auch die Musik-Experten des Stuttgarter Startups Grammofy sind begeistert. Natascha Klotschkoff verbindet mit ihrem Team bei Grammofy Tech und Musik und damit Tradition und Moderne. Eine gute Kombination für die SXSW, wie die Stuttgarterin bestätigt: „SXSW ist die richtige Konferenz für uns. Klassische Musik – vor allem im Streaming-Bereich – ist ein Nischenmarkt. Ich glaube allerdings, dass klassische Musik auch zeitlos ist.“ Das Startup aus dem Schwabenland gilt als kuratiertes Spotify für klassische Musik, ist bereits in mehr als 18 Ländern aktiv und damit wahrscheinlich ein heißer Kandidat für den Startup-Accelerator Wettbewerb. Doch das ist Zukunftsmusik – und damit ein Thema für die SXSW 2018. 

Denn auch für mich gilt: „bigger“ ist grundsätzlich nicht immer „better“. Den Organisatoren der SXSW gelingt es jedoch, viele Puzzle-Teile zu einem spannenden Gesamtwerk zu verknüpfen – und das bereits mehr als 30 Jahre lang.  

Mein Fazit: 

CU in 2018 SXSW!

km für startups 2016 unterwegs

Maren´s Fotoimpressionen

Über die Autorin: Maren Lesche

Maren Lesche Ist Startup-Expertin und Bloggerin in Berlin. Sie arbeitet bei etventure Startup Hub und ist spezialisiert auf die Bereiche Digital Health, IoT und Fintech. Die gebürtige Brandenburgerin ist unter anderem Community Advisor des globalen Think Tanks FTR4H (Future4Health), Mentorin bei TechStars und Startupbootcamp sowie Beraterin diverser Startups wie das Chatbot-Startup Medilad aus Berlin.