Interview mit Johannes Kleske, Gründer von Third Wave und Visionär

Jeder 2. Job kann in den kommenden 20 Jahren wegfallen – übernommen von Robotern, sagt eine Oxford-Studie. 18 Branchen sind schon in der „digitalen Revolution“. Alle Jobs rund um „Norm & Form“ – sprich Verstand – werden verschwinden, prophezeit Vordenker Gunther Dueck. Wie werden wir in Zukunft unseren Lohn fürs Brot verdienen?

Johannes Kleske ist Gründer der Strategieberatung Third Wave für Kommunikation, Produkte und Geschäftsmodelle in der digitalen Welt. Eines seiner Themen: der Umbruch im Arbeitsleben und die Fakten hinter den Schlagzeilen. Auf dem Unit-Festival sprach er über das Verhältnis von Mensch und Maschine. Gelegenheit, in eine Zukunft mit guter und schlechter Arbeit zu schauen.

Du sprichst vom Ende vieler Jobs durch Automatisierung. Wo verläuft für Dich die Linie zwischen dem „Dead End“ und den verbleibenden Jobs in der Zukunft?

Die eingangs erwähnte Studie der Universität Oxford hat da einen interessanten Ansatz geliefert. Die Forscher haben drei mögliche Kriterien für Jobs definiert, die sich besonders schwer von Maschinen – und hier sprechen wir immer sowohl von Robotern als auch von Software – übernehmen lassen:

  1. Kreative Intelligenz, also neue Ideen entwickeln
  2. Soziale Intelligenz, also der Umgang mit Menschen und
  3. „Perception and manipulation tasks“, z. B. auf einem Bild Dinge erkennen

Mit diesen Kriterien haben sie über 700 Jobbeschreibungen analysiert und errechnet, wie wahrscheinlich die Automatisierung dieser Jobs jeweils ist. Deshalb schneiden Jobs wie Yoga-Lehrer sehr gut ab, weil sie auf sozialer Intelligenz aufbauen. Steuerberater und Call-Center-Mitarbeiter sollten sich deutlich mehr Sorgen machen, wobei man über den Bedarf an kreativer Intelligenz bei Steuerberatern sicherlich streiten kann.

Eine These sagt: In Zukunft gibt es viele Menschen, die von Computern gesagt bekommen, was sie beruflich zu tun haben. Was hältst Du von der Aussage?

Nehmen wir mal das selbstfahrende Auto von Google: In Zukunft fährt der Algorithmus statt Menschen viele Fahrzeuge über die Straßen. Was Google dabei gerne verheimlicht: damit der Algorithmus das Fahrzeug sicher ans Ziel bringen kann, ist er auf detailliertes Karten- und Straßenmaterial angewiesen, das konstant aktualisiert werden muss. Dafür ist Google auf ein Heer von Menschen angewiesen, die täglich mit den Google-Fahrzeugen Straßen abfahren und die die erfassten Daten überprüfen und bereinigen.

Diese „Datenarbeiter“ finden sich aber in keiner Google-Bilanz. Sie sind so genannte „independet contractors“, die über externe Dienstleister „on demand“ gebucht werden können. Die NY Times nennt sie die „Datenhausmeister“ und praktisch jedes große Tech-Unternehmen ist auf sie angewiesen. Bei Facebook sorgen sie dafür, dass keine Gewaltvideos in unseren Newsstreams auftauchen. Bei YouTube filtern sie Pornografie aus usw.

Die Arbeit wird sehr schlecht bezahlt und es gibt praktisch keine Sicherheit oder Aufstiegsmöglichkeiten. Amazon hat mit „Mechanical Turk“ eine eigene Schnittstelle entwickelt, über die Entwickler Daten an solche „Clickworker“ zur Bearbeitung schicken können, ohne dass der Auftraggeber jemals in Kontakt mit den Arbeitern kommt. Dabei sind die „Clickworker“ oder „Crowdworker“ nur ein Beispiel für „on demand“-Dienste, bei denen die Arbeit nicht mehr vom Chef, sondern von der Maschine kommt. Lilly Irani hat das treffend zusammen gefasst:

„Automation doesn’t replace labor. It displaces it.”

Florian Schmidt hat bei uns vor den Negativfolgen des “Crowdworking” berichtet. Welche Gefahren stecken für Dich in „On demand“ bzw. „Sharing Economy“?

Die Gefahren dieser „On-Demand-Economy“ erkennt man recht einfach, wenn man schaut, warum z. B. Uber-Fahrer streiken. Fangen wir mal mit dem bereits erwähnten Punkt an, was passiert, wenn der Chef plötzlich kein Mensch sondern eine App bzw. ein Algorithmus ist. Keine Diskussionen oder Erklärungen mehr. Der Algorithmus beauftragt, prüft, belohnt oder bestraft. Das kann schnell kritisch werden, wenn von der Qualität des Algorithmuses das Einkommen abhängt.

Ein zweite Gefahr hat Simon Head in seinem Buch „Mindless. Why Smart Machines are Making Dumber Humans“ als „Corporate Panopticon“ bezeichnet: das konstante Überwachen des Arbeiters durch die App oder andere Sensoren. Dabei liegt das Problem insbesondere in der Einseitigkeit dieser Beziehung. Der Arbeiter wird konstant überwacht, während er keinerlei Einsicht in die Funktionsweise des Algorithmuses und des Verhaltens der Plattformbetreiber hat.

All diese Punkte sind auch nicht verhandelbar, weil in der „On-Demand-Economy“ Nutzungsbedingungen bisherige Arbeitsverträge ersetzen. Es gibt keine Verhandlungen, man kann nur zustimmen oder nicht mitmachen. Es gibt für die Arbeiter keine Absicherung, keine Weiterentwicklung und auch keine Versicherung. Sie fungieren wie Angestellte, haben aber Verpflichtungen wie Selbstständige. Alle Verantwortung wird auf sie abgewälzt.

Was können sowohl Entwickler, Gründer und die Öffentlichkeit machen, um die Digitalisierung nicht auf dem Rücken der Schwächsten zu organisieren?

Das wichtigste für mich ist, dass sich Gründer und Entwickler bei Startups bewusst werden, welche zentrale Rolle sie in einer Gesellschaft spielen, in der ihre Technologien eine immer zentralere Rolle einnehmen. Kleine Entscheidungen beeinflussen den Alltag von Millionen Menschen. Nur mal schnell „ein bisschen den Algorithmus optimieren“ kann dazu führen, dass morgen jemand nicht mehr in der Lage ist, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Dieser Verantwortung muss sich die Techszene deutlich mehr bewusst werden.

Als Öffentlichkeit sind wir immer wieder gefordert, genauer hinzusehen. Viele dieser Entwicklungen laufen im Verborgenen ab. Wir verstehen nicht, wie die Algorithmen funktionieren und ignorieren die gesellschaftlichen Konsequenzen von technologischen Entwicklungen. Dadurch fühlen wir uns hilflos und dem Fortschritt ausgeliefert. Das muss nicht sein. Wir haben uns bei Third Wave ein Zitat des Science-Fiction-Autors Ramez Naam zum Motto gemacht: “To understand a thing is to gain the power to change it.”

Vielen Dank für Deine Einblicke!

Das Interview führte Thomas Keup.

Über Johannes Kleske:

Johannes Kleske ist Strategieberater und Researcher. Zusammen mit Igor Schwarzmann führt er seit 2010 Third Wave, eine Berliner Firma für Zukunftsforschung und Unternehmensberatung, die sich auf die Beobachtung neuer Entwicklungen in digitalen Technologien und deren Auswirkungen auf menschliches Verhalten spezialisiert hat. Sie beraten Kunden wie die Wirecard, Alucobond, IAV, Peta und die GIZ, wie sie diese Entwicklungen besser verstehen und sich entsprechend anpassen können.

Weitere Informationen:

Talk “Mensch, Macht, Maschine”

Blog: http://tautoko.info

Third Wave GmbH

www.thirdwaveberlin.de