Startup-Standort Berlin:

“Nicht einfach wahllos einen Accelerator hinklatschen!”

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Interview mit Christoph Fahle, Gründer und Geschäftsführer von Betahaus Berlin

Christoph Fahle ist das Gesicht des Betahaus – einem der ersten Coworking-Spaces in Berlin. Zusammen mit 5 Partnern verwirklichte er 2009 in einem Gewerbehof in Kreuzberg seinen Traum: Einen Ort zum Leben, Arbeiten und Wohlfühlen. Heute ist das Betahaus neben Backfabrik oder Factory einer der bekanntesten Startup-Standorte. Thomas Keup sprach beim Festival “People in Beta” mit Christoph Fahle über Arbeiten, Freelancer, Startups und Corporates.

Wie kommt man als politischer Mensch, NGO-Gründer und Mitarbeiter – z. B. von der Politikfabrik – dazu, einen eigenen Coworking-Space zu gründen?

Wir waren damals 6 Gründer und alle daran interessiert, wie wir uns das Arbeiten schön machen können. Wir wollten Leuten wie uns die Möglichkeit geben, besser und zufriedener zu arbeiten. Unser Vermieter GSG dachte: “Was sind das denn für verrückte Typen?!” Eine Mitarbeiterin glaubte an uns und unsere Idee. So konnten wir die Räume im Gewerbehof an der Prinzesssinnenstrasse anmieten.

Damals kamen die Medien in unser Café, um “das Internet zu fotografieren”, während Besucher mit ihren Notebooks arbeiteten. Manchmal fällt leider unter den Tisch, dass es Tausende Selbstständiger gibt. Für sie sind wir zu einer wichtigen Adresse geworden. Und wir waren einer der ersten Orte für Startups in Berlin. Startups sind für uns ein super-guter Showcase für Leute, die sich als Entrepreneure verstehen.

Es gibt über 50 Coworkings in Berlin – viele davon in Kreuzberg. Wie könnt Ihr Euch im Wettbewerb gegen modernere oder zentraler gelegene Standorte behaupten?

Unser Fokus liegt darauf, eine Plattform zu sein und Mitgliedern wie Partnern praktische Unterstützung anbieten zu können. Wir haben lange überlegt, ob und wie wir die Leute auswählen sollen. Zwischen 85% und 90% unserer Mitglieder sind Freelancer – nur 10%-15% sind Startups. Tech-Startups sind für uns wirtschaftlich am wenigsten nachhaltig: Am Anfang haben sie kein Geld, später sind sie pleite oder erfolgreich und weg.  

Wir haben überlegt, wie wir die richtig coolen Sachen hierher bekommen. Dabei sehen wir uns als eine neutrale Plattform und eine Art Agent speziell für Gründer. Startups sind eine gute Essenz von Gründertum. Das ist toll und es inspiriert die Anderen. Du bist umgeben von lauter “Best Practices”. Als “Underdog” unter den Coworkings fällt es natürlich besonders auf, wenn wir mit Unternehmen kooperieren.  

Auf der Sponsorenliste von “People in Beta” stehen Airbus, Axel Springer, die Bahn oder Klöckner. Ist das mit Deinen Überzeugungen als Politologe vereinbar?

Das Betahaus ist kein “Christoph Fahle-Haus”. Wir sind ein 3-köpfiges Leitungssteam mit unterschiedlichen Überzeugungen. Und wir sind ganz krasse Pragmatiker. Mir ist es wichtig, ein Haus für Gründer zu haben. Zugleich gibt es viele Schnittflächen von Corporates zu Freelancern, z. B. Textern oder Designern. Madeleine ist z. B. wichtig, dass auch der Wirtschaftsminister mal vorbeikommt. Das Betahaus funktioniert nicht nach einer “Corporate Strategie”.

Glauben wir, dass es für die insgesamt rd. 400 Leute im Betahaus Berlin etwas bringt – einen Vorteil oder Spaß? Der Klöckner-Vorstand hat sich einen ganzen Tag bei uns reingesetzt und Leute kennengelernt. Auch bei der Bahn ist es ein konkreter Benefit – für die Startups wie für den Konzern. Am Anfang gab es in Unternehmen viel Skepsis und Unverständnis gegenüber externen Innovationen. Viele Vorstände geben heute offen zu, dass es Startups besser können, z. B. bei der Bahn.

Was findest Du im Kontext Tech-Startup-Szene faszinierend und was kritisierst Du als langjähriger “Insider” der Szene?

Berlin hat ein gutes Öko-System, die Netzwerke in der Stadt funktionieren. Zugleich wünsche ich mir, dass man nicht einfach wahllos Acceleratoren hinklatscht. Ich finde es persönlich wichtig, dass sich neue Corporates in Berlin mehr Zeit nehmen, wo und wie sie sich andocken. Eine Schlüsselfrage für neue Unternehmen sollte aus meiner Sicht sein: “Wie können wir uns mit anderen Acceleratoren vernetzen, um uns auszutauschen?”

Wenn Du selbst heute ein Startup gründen wollen würdest: Was für ein Produkt und für welchen Markt würdest Du etwas entwickeln und anbieten?

Ich würde vermutlich ein Hardware-Startup im Consumer-Umfeld machen. Internet of Things wird das Rad noch mal ein Stück weiterdrehen. So war es zuletzt 2007 mit dem iPhone. Ich würde das Produkt über Kickstarter crowdfunden lassen, weil ich das direkte Feedback der Kunden hätte. Die entscheidende Frage, die ich wahrscheinlich beantworten müsste, wäre: “WIr kriege ich es hin, ein designtes, crowdgefundetes Produkt millionenfach zu produzieren.

Vielen Dank für die offenen Worte!

Das Interview führte Thomas Keup.

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Christopf Fahle:

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Betahaus Berlin:

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