Interview mit Florian Heinemann, Investor, Business Angel und E-Commerce-Guru

Keine Storys, keine Party, keine Skandale. Während einige Startup-Größen verschwunden oder ihr Geschäft geschrumpft ist, verzichtet er auf Publicity: Dr. Florian Heinemann ist nicht nur ein “WHUler”, sondern promoviert in Entrepreneurship. Der Familienvater ist nicht nur ein “Ex-Rocket”, sondern nach Rocket erfolgreicher denn je.

Als Co-Founder und Managing Director für Performance Marketing, CRM, Kommunikation und Business Intelligence bei Project A ist Florian Heinemann ein ausgewiesener Fachmann – und gern gesehener Partner, auch bei seinen mehr als 60 Investments als Business Angel. Was bewegt den Unternehmensmacher? Thomas Keup hatte die Chance, ihn zu fragen:

Ihr früheres “Baby” Zalando ist dabei, sich mit einer offenen Tech-Strategie und 2.000 neuen Techies auf die nächste Ebene zu heben. Was sagen Sie zum Kurs von Robert Gentz?

Eine Plattform-Company zu werden, die auf verschiedene Produkte und Einkommenströme auf Basis einer überlegenen Infrastruktur setzt, ist neben einer ausgefeilten Eigenmarkenstrategie der logische nächste Schritt für einen sehr erfolgreichen Retailer. Wenn dieser Schritt gelingt – wie auch bei Amazon – verbessert er die Position einer Firma natürlich ungemein. Insofern ist das ein sehr anspruchsvoller, aber genau richtiger Schritt.

Zalando setzt auf Open-Source, sie haben Ihre IT-Plattform Spryker ausgesourct: Hat ein E-Commerce-Anbieter ohne umfassendes Technologie-Know how überhaupt eine Chance?

Nein, ein hohes Maß an proprietärer Technologie- und Datenkompetenz ist für jeden E-Commercler aber einem gewissen Anspruchsniveau in Sachen Umsatz und Zukunftsfähigkeit absolut unerlässlich.

Amazon hat seinen Anteil am deutschen E-Commerce weiter erhöht. Wie können deutsche Player – wie Ihr Partner Otto, Ihr Venture Nu3 oder Zalando – da überleben?

Ein Hebel sind sicherlich Eigenmarken, der andere Hebel sind spezielle Content- oder Service-Angebote rund um eine Sortimentsnische, die für Amazon in der Breite und Tiefe der jeweiligen Nische nur schwer abzubilden sein wird. Vermutlich muss dies aber einhergehen mit der Konzentration auf einen bestimmten Sortimentsbereich. In der Breite wird ein Wettbewerb mit Amazon sehr schwierig werden.

Welchen Rat geben Sie Gründern, die in E-Commerce gehen wollen: ‘Finger weg’, ‘ab in die Nische’ oder gibt es die Chance auf einen – weiteren – ‘Big Player’ aus Berlin?

Zum einen ist sicherlich der ganze Bereich der “Enabling-Companies” spannend, denn der Trend in Richtung E-Commerce ist ungebrochen, weiterhin bieten vertikal integrierte Marken oder auch Marktplätze mit sehr hoher Sortiments- und/oder Prozesskomplexität weiterhin hohe Chancen.

Zu Ihrer Leidenschaft gehört Digitale Werbung. Viele Nutzer lassen Display-Anzeigen mit AdBlockern ausblenden. Was müssen Anbieter machen, damit Werbung akzeptiert wird?

Der Trend geht sicherlich stärker Richtung Native Advertising und noch besserem Targeting und Personalisierung, wodurch der Anreiz, Adblocker zu nutzen weiter sinkt.

Sie erwirtschaften mit Project A Ventures rd. 30% Rendite (IRR). Ist VC die Asset-Klasse, in der noch ‘echte Musik’ steckt? Wie werden sich die Investments in Berlin weiter entwickeln?

Im Schnitt weißt Ventures Capital keine besonders hohe Rendite aus, die Performance konzentriert sich auf die Top 25% der Spieler; das ist übrigens auch in den USA so.

Daher kann VC für vermögende Privatpersonen oder institutionelle Anleger eine sehr attraktive Anlageklasse sein, gerade in der aktuellen Niedrigzinsphase, aber es empfiehlt sich, sehr selektiv vorzugehen.

Grundsätzlich sehen wir das Umfeld in Berlin gerade sehr positiv, die Anzahl und die Vielfalt an investierbaren Gelegenheiten steigen kontinuierlich. Insofern sind wir sehr optimistisch, dass sich auch in Zukunft sehr attraktive Renditen werden erwirtschaften lassen.

Was können die großen und kleinen Player im Berliner Startup-Universum unternehmen, um dem Digital-Standort weiter zu helfen? Was wünschen Sie sich von der Szene?

Eine Clusterbildung ist immer hilfreich, das heißt Startups die in einem ähnlichen Bereich unterwegs sind sollten versuchen, die Vernetzung und die Synergien untereinander zu heben. Darüber hinaus wäre es wünschenswert, wenn Business Angels und auch die Acceleratoren-Szene noch stärker darauf hinwirkt, dass frühphasige Firmen so aufgestellt sind, dass insbesondere sehr renommierte und professionelle Investoren dort gut investieren können. Das betrifft Elemente wie CapTable, initiale Kapitalausstattung, Incentivierung von Schlüsselmitarbeitern und hohes Anspruchsdenken in Bezug auf die eigenen Ziele.

Vielen Dank für Ihre offenen Worte!

Das Interview führte Thomas Keup

Über Investor und Business Angel Florian Heinemann:

Florian Heinemann ist Co-Gründer und Geschäftsführer von Project A Ventures, einem Berliner Frühphaseninvestor und Company Builder in den Bereichen Marktplätze & E-Commerce, Software as a Service (SaaS) und Digitale Infrastrukturlösungen.  Bei Project A ist er für die Bereiche Performance Marketing/CRM, Communications, Business Intelligence und Venture Coaching verantwortlich. Vor Project A war Florian Heinemann Managing Director von Rocket Internet, wo er fünf Jahre maßgeblich am Aufbau von TopTarif, eDarling und Zalando/Bigfoot beteiligt war.

Neben seiner Arbeit bei Project A engagiert er sich als Business Angel und hat in mehr als 60 Startups – wie z.B. Trivago, Zalando und Audibene – investiert. Florian Heinemann hat sein Studium in Business Administration an der WHU Koblenz mit einem Master abgeschlossen und später an der Handelshochschule Leipzig und der RWTH Aachen im Bereich Entrepreneurship/Innovationsmanagement promoviert. Zudem war er Visiting Scholar an der Wharton School.

 

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