Gründergeschichte karriere tutor®

Gründergeschichte karriere tutor®
Gastbeitrag
Unternehmensgründer sollten das Feld genau kennen, auf dem sie ernten wollen. Vor drei Jahren gingen Andrea Fischer und Oliver Herbig mit dem Weiterbildungsunternehmen karriere tutor® an den Start, dessen Angebote sich auf Digitalisierungs- und IT-Themen konzentrieren. Die beiden wussten, was sie erwartet. Ihr schneller Erfolg wunderte andere weit mehr als sie selbst. 

Andrea Fischer und Oliver Herbig lernten sich 2014 kennen. Herbig saß als Franchisenehmer im Vorstand einer international agierenden Firma für Weiterbildung. Fischer arbeitete für das Unternehmen extern an einem Projekt, das Herbig initiiert hatte. Um größere Flexibilität sei es gegangen, auf Kundenbedürfnisse zugeschnittene Online-Formate, „sie sollten das bekommen, was sie wollen, wie sie es wollen und wann sie es wollen“. Der Preis sollte sich im vertretbaren Rahmen halten.

Es stellte sich jedoch als problematisch heraus, die Ideen durch das Dickicht der Konzernstrukturen zu manövrieren. Daraus folgte eine Konsequenz: Weil Herbig die Konzepte Fischers schätzte „und Andrea mich auch nicht ganz doof fand, dachten wir, das machen wir in Eigenregie“. Im Februar 2015 verließ Herbig nach 15 Jahren den Vorstand. Laut Handelsregister begann karriere tutor® am 1. Mai des Jahres.

„Alles steht und fällt mit der Finanzierung“, konstatiert Andrea Fischer. Die Banken legten den beiden nicht gerade den roten Teppich aus. Die einen lehnten ab, weil sie die Geschäftsidee nicht verstanden, die anderen, weil sie nicht in irgendein Portfolio passe, „unter den Absagen war alles dabei“.

Da karriere tutor® anfangs in Sankt Peter-Ording firmierte, wendeten sich die beiden an „Mentoren für Unternehmen in Schleswig-Holstein e.V.“. Ehrenamtlich beraten aus dem operativen Geschäft zurückgezogene Firmeneigentümer und Manager hoffnungsvolle Start-up-Unternehmen. Die eine oder andere Tür öffnet sich so leichter. „Karsten Kahlcke unterstützt uns bis heute“, betont Fischer. Der frühere Vorstandsvorsitzende einer Volksbank half, „die Sprache der Banken zu verstehen“. Das klappte. Eine Bank sagte für den Fall einen Kredit zu, dass noch ein weiterer Investor ins Boot steige. Der fand sich mit der Mittelständischen Beteiligungsgesellschaft in Kiel, die Gelder des Europäischen Sozialfonds verwaltet.

Nicht selten brauchen Unternehmen Jahre, um den break-even point zu schaffen. Bei karriere tutor® dauerte es sechs Monate. Oliver Herbig erklärt, davon nicht überrascht gewesen zu sein. Im Businessplan hatte man Zahlen notiert, die hinter den eigenen Erwartungen lagen, um vor den Banken nicht als Schaumschläger zu gelten: „Wir verfügten über langjährige Erfahrung in der Weiterbildungsbrache.“ Daraus resultierte das Gespür, was mit dem neuen Konzept möglich sein kann.

 

Das beschreibt Herbig als eine Mischung aus gemeinsamen Lernen wie in der Schule und individuellem Zuschnitt. Dabei gehe es um ein Höchstmaß an Flexibilität, „ich kann von jedem Ort, zu jeder Zeit lernen“. Die Idee sei nicht gänzlich neu gewesen, „aber uns war klar, wie wir Plattformen gestalten müssen, um für unsere Zielgruppen attraktiv zu sein“. Die einen lernten lieber mit Videos, die anderen mit Text und Audiodateien. Generell gilt bei karriere tutor®, alles passiert im virtuellen Raum, auch der Gruppenunterricht.

Die Kunden nehmen über Pakete der Agentur für Arbeit oder der Bundeswehr an Kursen wie E-Commerce oder Online-Marketing teil. Zunehmend buchen Unternehmensmitarbeiter Angebote wie Scrum Master, ITIL Expert oder Six Sigma Green Belt.

Der Arbeitsplatz der mittlerweile 68 Angestellten und Honorarkräfte befindet sich stets dort, wo sich jemand gerade aufhält, egal ob am festen Wohnsitz in Bonn oder im Familienurlaub auf Borkum. Für die Kunden gilt das gleiche: Wo das Internet verlässlich funktioniert, lassen sich Büro und Klassenraum aufschlagen.

Andrea Fischer spricht über „New Work“, dem Leitgedanken des Unternehmens. Im Idealfall kann ein Arbeitgeber wählen, bei welchem Unternehmen er einen Vertrag unterschreibt. Dort bekommt er aber in der Regel noch immer seinen Tag präzise vorgetaktet. Die Präsenzpflicht gibt kaum Spielraum. Der amerikanische Philosoph Frithjof Bergmann sprach schon 1984 von der Handlungsfreiheit als Ergänzung zur Entscheidungsfreiheit. Bei karriere tutor® bedeutet das, bis zu einem bestimmten Zeitpunkt muss eine bestimmte Arbeit erledigt sein. Wann und wo das passiert, spielt keine Rolle. Für manche Berufsbilder galt „New Work“ schon immer. Wo der Schriftsteller Thomas Mann seinen Felix Krull schrieb, wo Mozart die Zauberflöte komponierte interessierte die Verleger nicht. Auf breitem Terrain lässt sich die Utopie von „New Work“ erst in einer digitalen Welt realisieren.

Manche Bank dürfte sich heute ärgern, damals nicht genau zugehört zu haben, als Andrea Fischer und Oliver Herbig ihren Plan vorstellten. Mittlerweile erwirtschaftet karriere tutor® einen jährlichen Umsatz von 7,5 Mio. Euro.

Ein Gastbeitrag von Stefan Mangold.

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