Interview mit Dr. Christian Nagel, Partner bei Earlybird Venture Capital Berlin

Gründermetropole covert erwachsene Ideen, erwachsene Startups, erwachsene Gründer. Zu unseren Medienpartnerschaften gehören die GTEC Open Lectures und Startup Grind Berlin. Gastgeber Florian Krumb hat ein Format aufgebaut, dass in persönlichem Rahmen Insides bietet, die auf Panels kaum eine Chance haben.

Im Oktober begrüßte Florian Krumb den Investor Christian Nagel. Als Co-Founder von Earlybird hat er seit 1997 eine der ersten Adressen für VC in Berlin aufgebaut. Wie sieht er die Berliner Startup-Szene? Was ist nötig, um in Berlin echte „Einhörner“ zu bauen? Und was kostet es, ein VC zu werden?

Du bis Wirtschaftsingenieur und Betriebswirt, hast in Hamburg-Harburg und St. Gallen studiert. Was macht den Unternehmer und Investor Christian Nagel aus?

In der Tat bin ich beides, als Mitgründer von Earlybird Unternehmer und in dem was wir tun, Investor. Dabei ist es gar nicht so einfach, beides unter einen Hut zu bringen; zum einen die Verantwortung den Investoren gegenüber, das einem anvertraute Geld mit möglichst guter Rendite zu investieren, zum anderen das Unternehmen “Earlybird” zu managen.

Die Reihenfolge ist klar: Ohne gute Renditen keine Folgefonds und damit auch keine Perspektive für das Unternehmen Earlybird.

Siehst Du Dich in erster Linie als Investor, der seine Fonds-Teilhaber glücklich macht oder als Unternehmensberater, der kleine Pflänzchen zum Blühen bringen möchte?

Die Aufgabe ist eine möglichst gute Rendite für unsere Investoren zu erwirtschaften. Es geht dabei nicht um “glücklich” machen. Investoren haben die Möglichkeit in verschiedene Asset-Klassen zu investieren: Immobilien, Aktien, Schiffe oder Private Equity, was z. B. Buyout Fonds, Hedgefonds oder Venture Capital (VC) sein kann. VC wird dann nur gewählt, wenn das Rendite-/Risikoprofil stimmt. Die Renditeerwartungen liegen bei mehr als 20% p. a.

Pflänzchen zum Blühen bringen ist dabei kein Selbstzweck. Es geht darum, unsere Erfahrungen und unser Netzwerk einzubringen, um eine schnelle Skalierung zu ermöglichen. Man kann das Beratung nennen. Aber eigentlich ist es mehr, denn wir identifizieren uns sehr stark mit den Unternehmen, in die wir investiert sind.

Wie wird man zum VC? Hast Du vor 18 Jahren Dein Erspartes in Deine ersten Firmen investiert? Und was kostet es, zum erfolgreichen Investor zu avancieren?

Dadurch, dass ich nach meiner Beratungstätigkeit für McKinsey nach der Wende Unternehmen von der Treuhand für wenig Geld erworben und diese nach erfolgreicher Umstrukturierung verkauft hatte, gab es ein wenig „Erspartes“. Damit ließ sich die Phase bis zum Zeitpunkt überbrücken, an dem wir ein erstes Fundclosing hatten.

Dann ging das Investieren los und alle – auch wir – waren geblendet vom Hype um den Neuen Markt. Selbst Unternehmen in der Konzeptphase sollten schnell an die Börse und dort Milliarden wert sein – investieren schien „super easy“ … Erst später haben wir uns zurückerinnert an unser Treffen mit Dick Kramlich, Mitgründer des US VCs NEA, der uns Anfang 1999 sagte, die „Ausbildung“ zum guten VC würde 50M $ kosten, d.h. abgeschriebene Investments!

Eine digitale Idee zu einem Produkt zu entwickeln, kostet ca. 5.000,- €. Was macht heute den Unterschied aus, ein Startup international erfolgreich werden zu lassen?

Als wir 1997/98 anfingen, brauchte man um ein Produkt im Internet zu launchen schon mal mind. 2M € – nur für Hardware, wie Sun-Server oder Software von Oracle. Das Produkt musste aber erst noch mühsam entwickelt werden, das dauerte 1 Jahr oder länger. Erst danach konnte man die Marktreaktion testen.

Heute kostet eine App zu launchen rd. 5.000,- € und ein paar Monate, wenn nicht nur Wochen.

Allerdings braucht es anschließend viel mehr Geld, um daraus einen globalen Marktführer zu bauen. Das liegt zum einen daran, dass Geschäftsideen in Innovationszentren und überall auf der Welt gleichzeitig entstehen und eine Erstfinanzierung bekommen. Dies geschieht durch Kopieren, aber auch dadurch, dass die Transparenz höher ist und neue Ideen bzw. Trends in Windeseile global die Runde machen.

Anschließend beginnt der Wettlauf um das meiste Geld für ein Konzept mit globalem Marktführerpotenzial. Das führt dazu, dass viel Geld in den vermeintlichen Kandidaten fließt, einfach um sich von den anderen klar abzuheben. Das Geld hilft auch, Produktdefizite schnell auszugleichen und die besten Mitarbeiter zu gewinnen.

Es wird diskutiert, dass in Berlin zu wenig Kapital für größere Runden bereitsteht. Wie siehst Du das und vor allem, wie kann man den Umstand verändern?

Das ist eine Tatsache, es wird allerdings besser. Immer mehr UK- und US-Funds investieren in Berliner Unternehmen. Richtig verändern wird es sich allerdings nur, wenn in Berlin mehr Unicorns entstehen. Auch wenn es vielleicht keiner mehr hören: Nur wenn es gelingt, mehr globale Marktführer in Berlin aufzubauen, wird das neue Ökosystem überleben und dann auch mehr Geld für spätere Runden anziehen.

Du schüttest der Stadt Berlin kräftig Wasser in den Wein, bringst den fehlenden industriellen Kern auf den Punkt. Warum “passieren” Startups trotzdem hier?

Berlin ist halt cool und die einzige Stadt durch die plötzlich Deutschland im Ausland attraktiv wirkt. Wichtiger ist für das Start-up Thema aber die Clusterbildung, die inzwischen echte Kernkompetenzen entwickelt hat, die weltweit so in der Form nicht zu finden sind.

Das ist zum einen Online Marketing-Kompetenz, die weltweit einzigartig ist. Zum anderen das Know-how, Geschäftsmodelle schnell global auszurollen. Es gibt nicht nur Mitarbeiter, die die Sprache sprechen, sondern welche, die in dem jeweiligen Land schon erfolgreich Produkte gelauncht haben.

Berlins einzige Chance liegt hier und das wird von der Politik total verpennt, leider …

Deutschland ist durch Unternehmer groß geworden. Was sollte man heute politisch unternehmen, um eine neue, digitale Gründerkultur aktiv zu fördern?

Ein unendliches Thema, z.B. ganz früh Digitalkunde einführen im Kindergarten, mindestens in der Grundschule , C++ statt Altgriechisch – die selbe intellektuelle Herausforderung aber nützlicher, Unternehmer als Berufsbild nahebringen, auch das schon ganz früh in der Erziehung und Ausbildung.

Lass uns einen Blick in die Zukunft wagen: Wie wird sich aus Deiner Sicht die Startup-Szene in Berlin in 10 Jahren entwickelt haben?

Digitalhauptstadt Europas, 5-10 globale Marktführer – the place to be for entrepreneurs!

Wer jetzt Interesse an einem Investment durch Euch bekommen hat: Was macht den Unterschied von Earlybird VC zu anderen Investoren aus?

Jeder VC kann sich gut verkaufen. Das Beste ist, man macht selbst eine gute Due Dilligence und holt insbesondere Referenzen in Bezug auf die Zusammenarbeit mit uns ein. Am besten die Unternehmer anrufen, in die wir investiert haben und fragen, wie die Zusammenarbeit mit uns ist bzw. war.

VC ist Ehe auf Zeit, man muss und sollte 6-8 Jahre miteinander gut auskommen und gute aber auch schwere Zeiten gemeinsam meistern. Da sollte auch die Nase passen und Bier trinken Spaß machen, sonst kann es mühsam werden.

Vielen Dank für das Interview!

Das Interview führte Thomas Keup.

Wir befragen regelmäßig die Gäste von Startup Grind Berlin. Meldet Euch zu Berlins Talkevent an und freut Euch auf spannende Fragen, offene Antworten und überraschende Insides – dazu exklusive Fotos und Antworten auf Gründermetropole Berlin.

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Weiterführende Links:

Christian Nagel bei Linkedin https://de.linkedin.com/pub/christian-nagel/8/881/8a3

Christian Nagel in Crunchbase https://www.crunchbase.com/person/dr-christian-nagel

Earlybird VC in der Wikipedia https://en.wikipedia.org/wiki/Earlybird_Venture_Capital

Earlybird Venture Capital www.earlybird.com

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