expert_skb
Finance Startups: FinTechs greifen nicht die Bank als Ganzes an …

Interview mit Susanne Krehl, Co-Founderin des FinTech & Payment Stammtisches Berlin

Susanne Krehl ist Marketing-Leiterin beim Berliner FinTech-Startup Barzahlen. Als Co-Organisation des PR-Stammtisches brachte Sie im November ‘14 erstmals FinTech & Payment-Spezialisten zusammen. Aus der Spontan-Idee ist der FinTech & Payment Stammtisch geworden – eine der führenden Plattformen der Berliner FinTech-Szene. Wie sie die Entwicklung der Branche beurteilt – unsere EXPERTISE heute.

Du bist im FinTech-Arbeitskreis des Startup-Verbands aktiv und Du arbeitest mit PR-Kollegen Berliner FinTechs zusammen. Wie beurteilst Du die Berliner FinTech-Szene?

Berlin wird gerade zu DEM Standort für FinTechs. Innerhalb kürzester Zeit haben sich hier einige Formate rund um das Thema FinTech entwickelt. Die Fachgruppe FinTech hat sich vor kurzem hier gegründet und viele bekannte Veranstalter planen spezielle Events zum Thema. Die Szene ist im Aufbruch. Das sieht man vor allem auf klassischen Bank-Veranstaltungen, die von auffällig vielen jungen Unternehmen besucht werden.

Beim FinTech-Stammtisch geben sich u. a. Vertreter führender FinTechs die Klinke in die Hand. Welche aktuell bekannten FinTechs hältst Du für besonders interessant?

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll: Ich finde es großartig, die Entwicklung von FinLeap als erstem wirklich FinTech-orientierten Inkubator zu sehen. Number26 macht ein wunderbar einfaches Online-Konto, nicht zuletzt mithilfe der simplen, schnellen Online-Identifizierung via ID Now. Aber auch viele weitere Unternehmensentwicklungen, wie die von Vaamo, Cashboard und Weltsparen finde ich bemerkenswert.

Wo siehst Du als Marketerin eines FinTechs spannende Geschäftsmodelle für FinTechs? Sind es eher Payment-, Banking- oder eher B2B-Service Provider?

Ich sehe momentan spannende Geschäftsmodelle in all diesen Bereichen und noch in einigen mehr. Die Wahrnehmung von Finanzprodukten und der Umgang mit ihnen wird sich in den kommenden Jahren stark ändern. Kunden können bargeldlos im Supermarkt zahlen und dabei gleichzeitig noch Bargeld vom Girokonto abheben – über ihre App. Online ohne Post-Ident innerhalb von wenigen Minuten ein Girokonto eröffnen – kein Problem mehr. Ebenso schnell einen Kredit beantragen? Auch kein Problem.

Wo man früher beim Bankberater saß und 2 Wochen auf eine Rückmeldung wartete, erfolgt die Zu- oder Absage eines Kredits heute innerhalb von 24 Stunden. Geld anlegen? Eine große Anzahl von Startups bietet Anlagemöglichkeiten und sogar für den konventionellen Sparer sind Produkte dabei. Er kann im Ausland Festgeld zu Zinsen anlegen, von denen Kunden deutscher Banken nur träumen. Es tut sich etwas auf dem Konto oder im Depot? Das sehen Sie heute per Push-Mitteilung in Ihrer Banking-App.

Und es gibt kein Feld, dessen sich die FinTech-Unternehmen nicht annehmen: Versicherungen, Mobile Payment und Geldanlage sind nur einige Stichworte. Es gibt sogar ein Online-Pfandleihhaus. Aber nicht nur an den Kunden wird gedacht. Auch B2B-Produkte, wie Kassensysteme und Rechnungserstellung werden digital. Die Banken und ihre Rechenzentren werden dabei immer mehr zum reinen Abwickler im Hintergrund.

Doch auch bei den FinTechs gibt es nicht ausschließlich erfolgreiche Geschäftsmodelle: Im Paymentbereich ist jedoch schon eine erste Phase der Konsolidierung zu beobachten. Im Mobile- und im Peer-to-Peer-Payment mussten schon die ersten aufgeben, da es sehr schwierig sein kann, in kurzer Zeit die kritische Masse an aktiven Nutzern zu finden und ohne die anvisierten Nutzerzahlen weiterhin Investoren zu begeistern.

Was ist aus Deiner “Insider-Sicht” notwendig, damit sich die FinTech-Szene – nicht nur in Berlin – entwickeln kann? Braucht es mehr Geld oder mehr qualifizierte Leute?

Wir suchen ausnahmslos alle Leute. Das liegt vor allem daran, dass es „FinTech“ vor zwei Jahren noch gar nicht gab und erfahrende Leute sehr schwer zu finden sind. Die kommen häufig aus dem Banken- oder Payment-Sektor und haben manchmal Schwierigkeiten, sich an die Gegebenheiten in einem Startup anzupassen. Geld bzw. Wagniskapital benötigt die gesamte Startup-Szene. Dies ist kein FinTech-spezifisches Problem.

Was wir im FinTech-Bereich noch brauchen, ist Rechtssicherheit. Alle FinTechs geben viel Geld für spezialisierte Anwälte aus. Neue Technologien müssen allerdings in teils sehr lange bestehende Gesetzesstrukturen gepresst werden. Wirklich langfristige Rechtssicherheit kann oft nicht zu 100% gewährleistet werden, wird jedoch in der Due Diligence von Investoren verlangt. Es wäre wünschenswert, einen Ansprechpartner bei der BaFin zu haben, der zur Auskunft verpflichtet ist, wie in Großbritannien.

Lass uns ein Jahr und fünf Jahre nach vorn schauen: Werden deutsche FinTechs im Sommer 2016 den Banken Marktanteile abgenommen haben? Und wie sieht es 2020 aus?

2016: Nein. Nicht relevant. Aber 2020 wird das Ganze schon anders aussehen. FinTech bzw. Finanzprodukte generell sind ein langfristiges Thema, deren Umsetzung und Markteinführung einige Zeit in Anspruch nehmen. FinTechs greifen nicht die Bank als Ganzes an, sondern einzelne Geschäftszweige der Banken. Viele Angriffe von vielen FinTechs auf vielen verschiedenen Ebenen werden langfristig zu einem erheblichen Verlust der Geschäftstätigkeit führen.

Ob die FinTech-Entwicklung nun von den Banken verschlafen oder vielleicht sogar begrüßt wird, sei dahingestellt. Die Commerzbank hat kürzlich angekündigt, ihre Produktpalette im Privatkundengeschäft bis 2020 zu halbieren. Hier kann eine Chance für FinTech-Startups liegen, diese Lücke zu schließen.

Vielen Dank für Deine Einblicke!

Das Interview führte Thomas Keup.

Über Susanne Krehl:

Susanne Krehl ist Leiterin PR & Marketing bei Barzahlen.de. Die Kommunikationsspezialistin organisiert den Berliner FinTech- & Payment-Stammtisch, sowie einen PR-Stammtisch für Start-ups.

https://de.linkedin.com/pub/susanne-krehl/3b/b62/112

 

Facebooktwittergoogle_pluslinkedinmail