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Die Briefe waren wichtige Botschaften in der DDR. Bei mir wurden sie auch nicht weniger. Da alle in der Familie meine schöne Handschrift lobten, habe ich zu jedem gegebenen Anlass mit einem Füller in meinem Kinderzimmer die Glückwünsche geschrieben. Es waren immer gut gewählte Worte, die ich mir vorher überlegt habe.

Wenn ich so zurückdenke, wieviel Ruhe wir in uns hatten.

Wir haben alle auf einander geachtet. Ihr müsst Euch vorstellen, wenn auf der Strasse ältere Erwachsene mit Einkaufstaschen zu sehen waren, sind die Jugendlichen hingegangen und haben ihnen die Taschen abgenommen, um sie zu den Erwachsenen nach Hause zu tragen. Es gab da keine negativen Gedanken, von wegen der beklaut mich oder will mir irgendwelchen Schaden zufügen. Jedenfalls habe ich davon nichts mitbekommen.

Als Kinder haben wir uns immer zu beschäftigen gewusst. Ob wir mit Kreide draussen gemalt haben oder in dem Sport/Yachtclub nach Wahl trainiert haben, es war für alle irgendwie gesorgt. Meine Eltern sagten uns immer, dass es uns gut geht und wir nie hungern müssen.

Ich hatte eine Briefpatenschaft in Afrika und habe dem Jungen Briefe geschrieben und Geld geschickt. So bin ich von vorneherein damit aufgewachsen, dass es auch diese andere Welt gibt. Meine Eltern haben meinen Bruder und mich behütet aufwachsen lassen und von der Politik ferngehalten.

Einerseits finde ich es gut, andererseits etwas befremdlich.

Ich fand es nicht immer authentisch diese heile Familienwelt zu haben, weil ich auch mehr bei anderen erkannt habe. In der Schule haben mich viele Kinder beneidet und mir das Schulleben dadurch zur Hölle gemacht. Dass ich mich immer rhetorisch gewählt ausgedrückt habe, kam bei meinen Mitschülern nicht besonders gut an und das liessen sie mich auch spüren.

Meine Eltern fanden es klasse, dass sich der Staat um die Versorgung für alles gekümmert hat. Jedes Kind hatte einen Kindergartenplatz und Schule sowieso. Na und die Erwachsenen hatten alle einen Job, egal ob sie dumm oder klug waren. Jedenfalls erklärten mir meine Eltern das so.

Ich bewege mich heute auf den Spuren der Vergangenheit und bin hellhörig, wenn andere ihre Erfahrungen aus der Vergangenheit wiedergeben.Aus heutiger Sicht, denke ich, dass es vielen ehemaligen DDR-Bürgern hoch anzurechnen ist, wie kameradschaftlich sie immer noch miteinander umgehen. Aus Unwissenheit von vielen Dingen, werden sie anders wahrgenommen. Ich denke oft, woher sollen denn die Menschen das wissen.

Weniger gut finde ich, wenn jemand sagt, der dumme Ossi und genauso wenig, der blöde Wessi. Beide Mentalitäten haben etwas Positives. Der eine hat die charakterliche Stärke und der andere das Wissen um des Lebens. Wenn  beides miteinander verbunden wird, ergänzt es sich sehr gut. Fleissigkeit und Tugendhaftigkeit wurde von der Pike an gelernt. So konnte man sich immer auf den anderen verlassen.

Was ich mir wünsche für unseren Tag der Einheit. Mehr Offenheit gegenüber dem anderen. Zuhören und austauschen. Es gibt immer etwas zu lernen. Bei vielen ist die Zeit stehen geblieben. Vielleicht ist es an der Zeit, um auf den anderen zuzugehen.

Bevor dumme Kommentare kommen, erstmal hören was der andere zu sagen hat. Und wenn es beim Essen ist. Da wächst die Gemeinschaft am meisten zusammen.

Ich wünsche Euch viel Spass und einen besonders schönen gemeinsamen Tag.
Diesen Mittwoch habe ich bereits SHE: Deutscher Pioniergeist (1) geschrieben.

Eure Christine

Ich freue mich auf Euer Feedback zu diesem SHE. Bereits kommende Woche lest Ihr hier bei Gründermetropole Berlin ein neues SHE.