Ein Gastbeitrag von Thomas Andersen (www.andersen-marketing.de)

Crowdfinancing setze ich mal als Oberbegriff von donation (Spende), reward (kaufvertraglich geregelte Belohnung), lending (Kredit) und equity based (Anteile) Crowdfunding an.

Crowdfunding ist übrigens nicht neu. Das erste dokumentierte Projekt dieser Art kann bereits auf das Jahr 1885 datiert werden – es war die Finanzierung des Sockels der New Yorker Freiheitsstatue. Joseph Pulitzer, Herausgeber der New Yorker Zeitung „World“, versprach, jeden Geldgeber unabhängig von der Höhe der gespendeten Summe namentlich abzudrucken. So konnten innerhalb von 6 Monaten 102.000 US-Dollar von 120.000 Menschen gesammelt werden.

Crowdfunding und Crowdinvesting als relativ (s.o.) neue Formen der Projekt- und Firmenfinanzierung lassen nach etwa 3 Jahren hohen Wachstums auf dem deutschen Markt mit einem kumulierten Gesamtfunding von ca. 20 Mio. Euro bis Ende 2013 (zum Vergleich: Kickstarter konnte seit 2009 insgesamt schon 1 Mrd. USD einsammeln, davon 21 Mio. aus Deutschland und mehr als die Hälfte erst 2013) folgende Tendenzen erkennen:

  1. Zusammenwachsen der 4 CF-Ausprägungen.

Typische reward-Plattformen wie Startnext oder FundedByMe machen nun auch equity based Crowdfunding (= Crowdinvesting), indem sich ihre Investorencrowd mittels partiarischer Nachrangdarlehen wie bei Seedmatch und companisto beteiligen kann. Innovestment mit seiner Techie-affinen Crowd ist als einzige der Top 3-Plattformen bei der stillen Beteiligung mit der 100k-Deckelung durch die BaFin geblieben.

  1. Zunehmende Hybridfinanzierungen von Startups.

Will sagen: FFF-(= Family, Friends & Fools) und BA-(Business Angel) Seedfinanzierung, danach Crowdinvesting (CI) und schließlich VC (Venture Capital), wobei sich VC und CI durchaus in der Reihenfolge abwechseln können, um die Kundenbasis und Bekanntheit durch CI gezielt zu erweitern, auch wenn die CI-Summe oft lange nicht an die VC-Summe heranreicht.

  1. Immer höhere Fundings.

Zuletzt 1,25 Mio. USD für die 360-Grad-Wurfkamera panono auf dr US-Plattform indiegogo. Aber auch AoTerra (1m) und Wonderpots (500k) waren über 100k.

  1. Deutliches Interesse der Banken und Wirtschaftsberatungsgesellschaften.

Nicht nur die Beteiligung der Volksbank an der Bergfürst AG zum „Lernen“ ist erstaunlich, sondern auch Banker-Aussagen wie: „Bald werden wir 20% aus der Crowd als Eigenkapitalersatz akzeptieren, um noch 80% der Finanzierungssumme als Kredit oben drauf zu packen – schließlich ist ja der Marktakzeptanzbeweis durch die Crowd erbracht.“ Das Vorurteil, dass nur solche Firmen Crowdfunding, Crowdlending oder Crowdinvesting betreiben, die bei Banken oder VCs kein Geld bekommen würden, ist dadurch entkräftet, dass die Plattformen sich sehr genau anschauen, wer da bei ihnen Geld einwerben will (companisto spricht von 25 aus 1000 Anfragen), und dass es zu einer cleveren mehrstufigen Finanzierungsstrategie heute oft dazu gehört, sich die PR-Funktion des Crowdfinancing zu sichern und viele überzeugte Investoren zu Botschaftern der eigenen Startup-Idee zu machen.

  1. Zunehmende Anzahl von branchenspezifischen Plattformen.

Hier sind besonders die grünen Modelle auffällig: Crowdenergy aus Berlin, Green Crowding aus Köln, Bettervest aus Frankfurt und Econeers aus Dresden. Hier finden sich die typischen emotionalen Unterstützer gehäuft wieder, die ihr Geld zur Unterstützung einer guten Sache hergeben.

Professionelle Investoren finden sich eher bei Bergfürst, wo stimmrechtslose Namensaktien erworben werden können, die auch sofort auf einer Handelsplattform wieder veräußert werden können (Ausnahme sind Altinvestoren und die Gründer selbst).

  1. Öffnung des Instruments auch für den längst etablierten Mittelstand.

Hier werden sicher Plattformgebühren (5-10%) gegen Kapitalzinsen (3-7% bei Förderkrediten) gerechnet (spricht eher für die Banken), aber es reizt auch, den Markt der Firmenanleihen nun auf viele neue Schultern, die der Crowd nämlich, auszuweiten.

  1. zunehmende Pleiten CF-gefundeter Startups.

Je mehr schwarmfinanzierte Firmen es gibt, umso größer wird natürlich die Wahrscheinlichkeit, dass sie in den ersten 3 Jahren ihres Bestehens Insolvenz anmelden müssen. Dies ist nicht das Ende dieses Finanzierungsmodells, sondern eine ganz natürliche Entwicklung.

Noch ist die Bilanz zu den klassisch finanzierten Startups allerdings positiv: man redet von 50% Ausfällen bei CF, während es 70% bei den Klassischen sein sollen.

  1. Internationalisierung.

Nicht-deutsche Plattformen (Kickstarter, indiegogo, FundedByMe etc.) drängen auf den deutschen Markt, deutsche (companisto) nach Europa und in die Welt.

Crowdfinancing ist also angekommen im Koordinatenkreuz der etablierten Firmenfinanzierer und zunehmend auch der privaten Überzeugungstäter. Es ist daher durchaus denkbar, dass die Schwarmfinanzierung bald Eingang in die Förderinstrumentarien und Finanzierungsmodelle von Geschäftsbanken finden wird, z.B. indem Banken sich ein eigenes CI-Portal anschaffen, VCs diese in ihre Portfolios mit aufnehmen oder branchenerfahrene Business Angel mit größeren Tickets zu gefragten und beworbenen Leadinvestoren innerhalb einer Crowdinvesting-Kampagne werden.

TAFOTO© Thomas Andersen 2014

Ein Gastbeitrag von Thomas Andersen www.andersen-marketing.de

 

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